Der Schein des Augenblicks

Fotografien sind Materialisierungen des Vergangenen. Erinnerung wird zu beschichtetem Papier. Damit sind Fotografien die materielle, greifbare Vergewisserung, dass etwas unwiederbringlich vergangen ist. Das Geräusch des Auslösers ist das prägnanteste Signal für das Vergehen der Zeit, klick, siehe, der Augenblick ist hiermit vergangen und wandert postwendend in den großen Ordner, das Fotoalbum der Erinnerung.
Wir schlagen irgendwann dieses Fotoalbum auf, betrachten dieses oder jenes Foto und werden uns vielleicht erst im Betrachten desselben bewusst, dass diese oder jene Zeit vorbei ist. Die Fotografie, obgleich sie die dokumentarischste Form der Abbildung ist, zeigt uns letztlich nur die Differenz zwischen dem, was ist und dem, was nicht mehr ist. Die Fotografie verkörpert die Melancholie der verlorenen Zeit.
In den Bildern Claus Feldmanns tritt dieses Verhältnis in radikalisierter Form in Erscheinung. Er fotografiert Dinge, die es nicht nur nicht mehr gibt, sondern solche, die es nie gegeben hat, zumindest nicht so, wie wir sie sehen. Der Dampfer in schwerer See, beobachtet von einer verlassenen Wartehalle aus, die in weite Ferne weisende Reihe der Strommasten in der Dämmerung, der halbe Mond über dem Wohnwagen, das Haus im milchigen Licht der Laternen, der düstere Tankzug, die Limousine im nächtlichen Unwetter, all das hat es nie gegeben. All die atmosphärischen Augenblicke, von denen diese Bilder erzählen, haben nie stattgefunden. Die Fotografien Feldmanns treiben also das ureigene Wesen der Fotografie als Beweismittel für das Vergängliche, als Demonstration der Differenz zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen Anwesendem und Abwesendem auf die Spitze und setzen sich gleichzeitig ironisch darüber hinweg. Die Bilder Feldmanns atmen einerseits die Melancholie des verlorenen Augenblicks, andererseits setzen sie dieser Melancholie etwas entgegen: Die Scheinwelt der Modelle. Die Schönheit. Das Bleibende.
Als ich zum ersten Mal in Feldmanns Atelier die Modelle der Bilder sah, war ich erstaunt und fasziniert, fragte, warum er sie nicht zusammen mit den Bildern ausstelle. Ach nein, sagte der Künstler, es störe dann doch die Illusion. Feldmann ist halt ein Romantiker. Dann und wann wird er mit Edward Hopper verglichen. Mir fällt noch Caspar David Friedrich ein. Auch Feldmanns Arbeiten, selbst wenn auf ihnen keine Menschen abgebildet sind, zeigen diesen romantischen, sehnsuchtsvollen Blick des Menschen auf die Landschaft, einen verlorenen, einsamen Blick, der um den Verlust der Einheit, um die Differenz von menschlichem Sein und Unendlichkeit weiß. Auch an Filmkulissen erinnern die Bilder. Wenn David Lynch, Edward Hopper und Caspar David Friedrich gemeinsam einen Film ausstatteten, würde ich mir diesen Film vorstellen wie eine Bilderreihe Feldmanns. Man möchte ewig davor stehen und schauen, hineingehen kann man ja nicht.

Monika Zeiner, Schriftstellerin
Der Schein des Augenblicks -Über die Fotografien Claus Feldmanns

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