Seine ersten Bilder sah ich 1990 in Nürnberg. Als Absolvent der dortigen Kunstakademie – der ältesten übrigens, die es in Deutschland gibt – hatte Claus Feldmann den Kunstpreis der Galerie Ursula Erhard erhalten, die damals in dieser Dürerstadt fast die einzige Galerien für junge Gegenwartskünstler war und als solche eine überaus wichtige Rolle spielte. Meine Reaktion damals war spontane Überzeugung. Ein Erlebnis wie dieses ist extrem selten. Zum ersten Mal und völlig unvorbereitet sieht man Arbeiten eines jungen Künstlers und ist sofort sicher, etwas einzigartig Neues und sehr Überzeugendes vor sich zu haben. Es war die Zeit, in der die nüchtern coolen Großfotos von Thomas Ruff, Axel Hütte oder Andreas Gursky den Ton angaben, fotografische Tafelbilder gewissermaßen, die mit ihrer neuen so eindeutig fotografischen Erscheinungsweise der Malerei ihren angestammten Platz an den Museumswänden streitig machten – und das auch sehr überzeugend, kein Zweifel. Und dagegen tritt nun ein junger Künstler an, der das genaue Gegenteil macht. Wie ein Maler entwirft und komponiert er seine fotografischen Bilder – oder vielleicht eher wie ein Filmregisseur, der einen Filmset einrichtet? Immerhin ging er anschließend nach Hollywood. Für die Sammlung der Nürnberger Kunsthalle, die inzwischen in das staatliche Neue Museum in Nürnberg übergegangen ist, erwarb ich damals eines dieser Bilder mit dem Titel Tagfalter, und in einer der Sammlungsausstellungen, die wir damals regelmäßig zeigten, war es auch in guter Gesellschaft mit anderer junger Kunst zu sehen. Mir kam dieses Bild nie wirklich wie ein Foto vor, sondern komponiert und gestaltet wie ein gemaltes Bild und von lebendiger Bewegtheit – und mit einer eigentümlich kindlichen Dramatik. Als die Fotografie vor fast zwei Jahrhunderten geboren wurde, da orientierte sie sich erst einmal an den gemalten Bildern, um sich dann von Generation zu Generation eigenständiger zu entfalten – der Malerei gewissermaßen ihre fotografische Ästhetik entgegen zu setzen – um nun in jüngster Zeit bei Claus Feldmann wieder wie ein Medium der Malerei aufzutreten! Aus allerlei Spielzeugmodellen inszeniert der Künstler wie ein traditioneller Maler seine Szenen, die er dann so fotografiert, als handele es sich um Filmsets. In gewisser Weise wartet man darauf, dass die Akteure auf der Szene erscheinen – aber der Set bleibt leer. War es zu Beginn noch eine fast nostalgische Szene, die spielerisch an den ersten kriegerischen Einsatz von Flugzeugen vor hundert Jahren erinnerte, ganz aus der Vergangenheit heraus mit Kinderspielzeug komponiert, so sind es jetzt alltäglich und eher beiläufig wirkende Situationen aus unserer Gegenwart, stimmungsvolle Szenen aus den Randbereichen unserer modernen Zivilisation, ganz und gar undramatisch, aber gerade damit erstaunlich überzeugende Bilder aus der Gegenwart, ganz nah an der alltäglichen Welt in der wir leben.
Lucius Grisebach, Kunsthistoriker und Gründungsdirektor des Neuen Museums zu Nürnberg